Britischer Handel im Wandel – und wir mit ihm

Seit über 45 Jahren ist Kuhn Rikon mit einer eigenen Tochtergesellschaft in Grossbritannien präsent. In diesem Markt lässt sich deutlich beobachten, wie stark sich der Handel verändert hat. Für uns als Schweizer Hersteller bedeutete dies, Vertriebswege und Sortiment immer wieder neu auszurichten.

Als Kuhn Rikon 1980 eine Tochtergesellschaft in Grossbritannien gründete, war die Handelswelt noch übersichtlich. Unsere Schweizer Kochgeschirre wurden über klassische Fachgeschäfte, Warenhäuser und im direkten Vertrieb verkauft. Der Handel war der wichtigste Zugang zum Konsumenten, und gute Beziehungen zu den grossen Handelspartnern waren entscheidend.

Heute sieht diese Welt völlig anders aus. Viele Fachgeschäfte sind verschwunden und die Hauptstrassen oft verwaist. Gleichzeitig hat Grossbritannien einen dramatischen Wandel seiner Warenhauslandschaft erlebt. Namen, die während Jahrzehnten die Innenstädte geprägt haben, sind verschwunden oder haben massiv an Bedeutung verloren.

Parallel dazu ist der E-Commerce gewachsen. Nach Zahlen des britischen Office for National Statistics wurden 2010 lediglich 7,3 Prozent der Detailhandelsumsätze online erzielt. Auch durch die Pandemie beschleunigt, lag der Anteil 2025 bei 27,4 Prozent. Der Onlinehandel ist längst zentraler Bestandteil des britischen Handels.

Diese Entwicklung spiegelt sich bei Kuhn Rikon wider. Heute erzielen wir in Grossbritannien rund 35 Prozent unseres Umsatzes im E-Commerce. Plattformen und Onlinehändler stellen andere Anforderungen an Sortimente, Preise, Produktdaten, Bilder und Marketing. Auch die Geschwindigkeit des Geschäfts hat sich deutlich erhöht.

Vom B2B-Geschäft zur Multichannel-Strategie

Als Hersteller können und müssen wir heute viel direkter mit unseren Konsumentinnen und Konsumenten kommunizieren. Unser eigener Webshop gewinnt deshalb kontinuierlich an Bedeutung. Er ist Verkaufskanal, Schaufenster für unsere Marke und Informationsplattform zugleich.

Die Digitalisierung bedeutet für uns aber nicht den Abschied vom stationären Handel – im Gegenteil. Wir investieren wieder gezielt in physische Verkaufsflächen, allerdings in einer anderen Form als früher.

2025 haben wir in Swindon unseren ersten eigenen Outlet-Shop in Grossbritannien eröffnet. Im September 2026 folgt ein zweiter Standort in Cheshire Oaks. Damit entsteht neben B2B und E-Commerce ein drittes Standbein: der direkte stationäre Kontakt mit unseren Endkunden.

Das mag paradox erscheinen. Während Fachgeschäfte und Warenhäuser unter Druck stehen, eröffnen Hersteller eigene Geschäfte. Für uns ist dies eine logische Konsequenz des Strukturwandels. Wenn traditionelle Vertriebskanäle an Reichweite verlieren, müssen Marken neue Wege finden, ihre Produkte erlebbar zu machen. Gerade Kochgeschirr, Messer und Küchenhelfer profitieren davon, wenn Konsumenten sie anfassen, vergleichen und sich beraten lassen können.

Auch das Sortiment verändert sich

Nicht nur die Vertriebskanäle haben sich gewandelt. Auch unser Produktschwerpunkt hat sich mehrfach verschoben.

In den ersten Jahrzehnten stand das Kochgeschirr im Mittelpunkt. Zwischen 2010 und 2020 gewannen dagegen Messer und Küchenhelfer stark an Bedeutung. Besonders unsere farbigen COLORI Messer, die bereits in Amerika zum Verkaufsschlager geworden waren, passten optimal zu den neuen Vertriebskanälen. Sie ermöglichten attraktive Impulskäufe und erschlossen neue Konsumentengruppen.

Seit 2020 hat sich das Bild erneut verändert. Heute ist Kochgeschirr wieder die wichtigste Produktkategorie unseres britischen Geschäfts. Für eine Schweizer Marke mit fast hundertjähriger Kompetenz in diesem Bereich ist dies eine Rückkehr zu den Wurzeln – allerdings in einer veränderten Handelswelt.

Wechselkurs und Brexit als zusätzliche Herausforderungen

Für ein Schweizer Unternehmen kommt eine weitere Dimension hinzu. Die Entwicklung des britischen Pfunds gegenüber dem Schweizer Franken war für uns über die vergangenen Jahrzehnte ausgesprochen ungünstig. Lag der Wechselkurs zu Beginn der 80er Jahre noch bei rund 4.00 CHF, fiel er bis vor dem Brexit-Entscheid auf rund 1.55 CHF und liegt heute bei 1.09 CHF. Produkte, die zu einem wesentlichen Teil in der Schweiz entwickelt und hergestellt werden, müssen trotzdem in einem preissensitiven Markt wettbewerbsfähig bleiben. Solche Wechselkursveränderungen lassen sich nicht einfach über höhere Verkaufspreise kompensieren.

Mit dem Brexit ist zusätzliche Komplexität entstanden. Grossbritannien ist regulatorisch und administrativ wieder stärker ein eigenständiger Markt. Für ein Unternehmen unserer Grösse bedeutet dies mehr Aufwand in Logistik, Administration und Compliance.

Grossbritannien bleibt für Kuhn Rikon ein wichtiger und attraktiver Markt. Die vergangenen 15 Jahre haben gezeigt, dass sich nicht nur der Handel verändert. Auch Hersteller müssen bereit sein, ihr Geschäftsmodell kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Früher führte der Weg zum Konsumenten fast ausschliesslich über den Handel. Heute erreichen wir ihn viel stärker direkt – über soziale Medien, unseren Webshop oder unsere eigenen Geschäfte. Die Grenzen zwischen Hersteller, Händler und Retailer werden zunehmend fliessend. Wir sind heute näher an unseren Konsumenten als je zuvor. Wir erfahren schneller, welche Produkte funktionieren, wie sie genutzt werden und was Kunden von einer Marke erwarten.