Für das Weltwirtschaftswachstum rechnen wir im ersten Quartal 2023 mit einer Talsohle, danach mit einer Seitwärtsbewegung oder einem sanften Anstieg. Asien sollte hierbei in etwa dem globalen Pfad folgen. Die regionalen Unterschiede sind jedoch beträchtlich. Unterteilt man Asien in offene, zyklische Volkswirtschaften und mehr geschlossene, weniger industrialisierte Länder, haben Letztere für einmal die stabileren Wachstumsaussichten. Die weniger global verankerten Länder und Regionen haben in der jüngsten Vergangenheit diesbezüglich positiv überrascht bei den Dienstleistungen. Taiwan, Festlandchina, Japan oder Singapur hingegen, wo der Aussenhandel einen wichtigen Beitrag zum BIP leistet, haben jedoch eher enttäuscht. Sie könnten zwar noch aufholen, aber dafür müsste der globale Handel besser aussehen.

Ein anderes Kriterium zur Gruppierung der asiatischen Länder ist die Abhängigkeit von Energiepreisen. Malaysia und Indonesien als Energielieferanten haben von den hohen Ölpreisen profitiert und werden das unseres Erachtens auch 2023 tun. Auf der Verliererseite hingegen sind Länder mit hohem Energiebedarf und einer schwachen Währung. Hervorheben möchten wir hier Korea, Japan, Thailand und die Philippinen. China ist ebenfalls negativ betroffen, wobei die Regierung einen grossen Aufwand betreibt, um die Inflation tief zu halten. Die hohen Energiepreise dämpfen das Wachstum und führen tendenziell zu einer höheren Inflation beispielsweise bei Lebensmitteln, Transport und Ver­sorgungs­gütern. Wenn dann zusätzlich die Währung schwach wird, verdoppelt sich der Effekt.

Interessanterweise wirkt die US-Dollar-Hausse in diesem Zyklus anders als beispielsweise während der Asienkrise oder der grossen Finanzkrise. Alle führenden Länder in Asien haben ihren währungspolitischen Fokus weg von der Dollar-Bindung zu einem handelsgewichteten Wechselkurs verschoben. Damit hat die ganze Region eine Abschwächung ihrer Währung erfahren, was für die Wirtschaftsentwicklung günstiger scheint. In den vorherigen Phasen der Dollar­ Aufwertung haben die asiatischen Währungen den Anstieg mitgemacht, bis es zum Kollaps der Finanzmärkte und der Abwertung kam. Die Reaktion im aktuellen Zyklus ist viel moderater, dank einer schwächeren Währung. Dafür ist die Inflation stärker und die Verpflichtung zur Zinsanhebung grösser. Die Ausnahme ist Hongkong mit dem expliziten Fixkurs zum US-Dollar.

Für Asien − wie auch für den Rest der Welt − ist die zentrale Frage: Wann wird die Dollar-Hausse ihr Ende finden? Die Währungen werden per Definition von der Abwertung des US-Dollars profitieren. Dann kommt die eingangs erwähnte Einteilung zum Tragen. Fällt die Dollar-Schwäche mit einem Rückgang der Ölpreise zusammen, werden die Ölkonsumenten am meisten profitieren. An vorderster Front sehen wir hier Japan, Indien und China. Wenn die Dollar-Abwertung zu einem Anstieg der globalen Handelsströme führt, können Export-Champions wie Japan, Taiwan, Festlandchina und Singapur gewinnen. Es gibt noch ein alternatives Szenario, bei dem die Federal Reserve die Zinsen senkt, weil die Weltwirtschaft inklusive der USA in eine tiefere Rezession abdriftet. Das würde den US-Dollar stärken und die Währungen in Asien schwach halten, ist aber nicht unsere zentrale Prognose.