Vietnam – ein faszinierendes Land mit Potenzial

Als Nationalratspräsident habe ich einen besonderen Fokus auf die Aussenwirtschaftsbeziehungen der Schweiz gelegt. In diesem Zusammenhang hatte ich die grosse Ehre, auf Einladung des Vorsitzenden der vietnamesischen Nationalversammlung, Vuong Dinh Hue, die Sozialistische Republik Vietnam im Juni 2023 zu besuchen.

Der Empfang war äusserst herzlich und von grosser Wertschätzung geprägt. Treffen mit Premierminister Pham Minh Chinh, dem Minister für Industrie und Handel, Nguyễn Hồng Diên, sowie mit Staatspräsident Võ Văn Thưởng unterstreichen die Bedeutung, die Vietnam den wirtschaftlichen Beziehungen zur Schweiz beimisst. Die bilateralen Beziehungen zwischen unseren Ländern sind stark und dynamisch. Bereits 2021 konnten wir 50 Jahre diplomatische Beziehungen feiern. Ein Ausdruck einer langjährigen und erfolgreichen Zusammenarbeit, sowohl bilateral als auch im multilateralen Kontext. Der Schweizer Botschafter Thomas Gass und sein Team leisten hierzu eine hervorragende und vorbildliche Arbeit.

Vietnam hat mich tief beeindruckt. Die Kombination aus Gastfreundschaft, kultureller Vielfalt und wirtschaftlicher Dynamik ist bemerkenswert. Seit der wirtschaftlichen Öffnung hat sich das Land in wenigen Jahrzehnten zu einer der dynamischsten Volkswirtschaften Südostasiens entwickelt. Für Schweizer Unternehmen bietet Vietnam zunehmend eine interessante Ergänzung – oder in gewissen Bereichen sogar eine Alternative – zu China.

Für die Schweiz ist Vietnam ein strategischer Wirtschaftspartner in Asien. Unser Ziel muss es sein, die wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter zu vertiefen und die Investitionen auszubauen. Eine solide Basis besteht bereits: Das bilaterale Handelsvolumen belief sich laut economiesuisse zuletzt auf rund 2,5 Milliarden Franken. Gegenwärtig sind gemäss SECO über 100 Schweizer Firmen in Vietnam ansässig und in zahlreichen Branchen vertreten: im Maschinenbau, in der Elektronik, im Bauwesen, in der Lebensmittelverarbeitung sowie in der Chemie- und Pharmabranche. Sie schaffen über 17 000 Arbeitsplätze. Gleichzeitig machen diese Zahlen deutlich, dass noch erhebliches Potenzial für eine Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen vorhanden ist.

Vietnam verfolgt wie die Schweiz eine eigenständige und ausgewogene Aussenpolitik. Das Land orientiert sich an den sogenannten vier Neins: keine Militärbündnisse, kein Bündnis gegen Drittstaaten, keine ausländischen Militärbasen im eigenen Land sowie kein Einsatz oder die Androhung von Gewalt. Diese Haltung schafft stabile Rahmenbedingungen und unterstreicht die Attraktivität Vietnams als verlässlicher Partner. Hinzu kommt das starke Engagement Vietnams für das internationale Völkerrecht und eine nachhaltige Entwicklung.

Ein zentrales Thema meines Besuchs war das geplante Freihandelsabkommen zwischen den EFTA-Staaten und Vietnam. Seit über einem Jahrzehnt wird darüber verhandelt. Für die Schweiz ist es entscheidend, gegenüber der Konkurrenz aus dem EU-Raum keine strukturellen Nachteile zu haben. Handel und Investitionen folgen klaren Regeln: Sie entwickeln sich dort besonders gut, wo die Rahmenbedingungen verlässlich und wettbewerbsfähig sind.

Ein Freihandelsabkommen würde nicht nur den bilateralen Handel stärken, sondern auch ein starkes Signal an Schweizer Unternehmen senden, die Vietnam als Investitionsstandort prüfen. Es geht darum, konkrete Perspektiven zu schaffen und bestehende Hürden abzubauen. Nach Jahren der Gespräche ist es nun an der Zeit, diesen Prozess entschlossen voranzubringen.

Mein Besuch hat mir klar gezeigt: Vietnam ist ein Land mit enormem Potenzial. Die Dynamik, das Engagement und die Innovationskraft der Menschen sind beeindruckend. Es liegt nun an uns, diese Chancen zu nutzen und die Beziehungen weiter zu vertiefen, das zum Nutzen beider Länder. Umso mehr freut es mich, dass die Verhandlungen seit Anfang des Jahres an Tempo gewonnen haben und dass sich eine EFTA-Delegation Ende April vor Ort für den Abschluss der Verhandlungen eingesetzt hat.