Polen: Chancen, Regeln, Risiken

Wie kann man vom polnischen Wirtschaftswachstum profitieren, ohne dabei in juristische Fallstricke zu geraten? Polen gilt vielerorts als wachstumsstarker Markt – doch ist er rechtlich verlässlich?

Im September 2025 verkündete der polnische Premierminister Donald Tusk mit Stolz, dass das polnische Bruttoinlandprodukt die Marke von 1 Billion US-Dollar überschritten habe und Polen damit zur 20. grössten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen sei – noch vor der Schweiz. Zwar bleibt der Unterschied zwischen beiden Ländern beim Wohlstand pro Kopf weiterhin deutlich, aber in der Geschichte Polens ist etwas anderes interessant und wichtig: 35 Jahre nahezu ununterbrochenes Wirtschaftswachstum mit einer durchschnittlichen jährlichen Steigerung von fast 4 Prozent.

Da es einfacher ist, auf einem wachstumsstarken Markt Geld zu verdienen als auf einem stagnierenden, und die Schweiz sowie Schweizer Unternehmer in Polen einen ausgezeichneten Ruf geniessen, ist Polen ein ausgesprochen attraktiver Zielmarkt für Schweizer Unternehmen. Doch ist eine Investition in Polen rechtssicher? Und welche vertraglichen Herausforderungen gilt es, bei Geschäften mit polnischen Partnern zu beachten?

Eines muss klar gesagt werden: Das heutige polnische Wirtschaftswunder wurde in hohem Masse von ausländischen Unternehmen aufgebaut. Nach der Wende 1989 entschied sich Polen – damals ein graues, armes und bankrottes Land – für eine vollständige Öffnung seiner Wirtschaft gegenüber der Welt. Diese Entscheidung brachte aussergewöhnliche Ergebnisse. Heute – nach einem tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel – befindet sich Polen an einem völlig anderen Punkt als 1989: Auf den Trümmern der Planwirtschaft entstand ein vielfältiges Ökosystem aus Niederlassungen internationaler Konzerne und neuen polnischen Unternehmen, die erfolgreich global konkurrieren und zunehmend über die Landesgrenzen hinauswachsen. Für ausländische Unternehmen bedeutet das vor allem, dass sie in Polen rechtlich gleichgestellt sind und ihre Kapitalanlagen gemäss internationalen Standards geschützt werden. Das gewährleisten sowohl die EU-Mitgliedschaft Polens als auch das wirtschaftliche Interesse des Landes.

Wie ernst Polen die Ansiedlung neuer Unternehmen nimmt, zeigt die Geschwindigkeit unternehmerischer Formalitäten. Die Gründung und die Registrierung einer GmbH erfolgt seit Jahren vollständig online und dauert meist weniger als 24 Stunden. Zusätzlich existieren staatliche Förderinstrumente wie das «Programm zur Unterstützung von Investitionen von wesentlicher Bedeutung für die polnische Wirtschaft» (2011 – 2030) oder Steuerbe­freiungen in der «polnischen Investitionszone».

Dennoch ist der Markteintritt nicht frei von Risiken. Das polnische Recht ändert sich vergleichsweise häufig und bildet damit den Ausgangspunkt vieler operativer Herausforderungen. Die Steuerbehörde ist fast allmächtig, und Verwaltungsverfahren sind oft komplex. Bei Verträgen mit polnischen Partnern sollte man zudem wissen, dass ein Rechtsstreit vor einem polnischen Gericht sich endlos hinziehen kann. Das hat direkten Einfluss auf die Vertragsgestaltung: Eine zunehmend gängige Praxis ist die Aufnahme von Schiedsgerichtsklauseln. Das Schiedsverfahren ist zwar kostspieliger, in der Regel aber deutlich schneller.

Von besonderer Bedeutung bei der Zusammenarbeit mit polnischen Partnern ist ein kultureller Aspekt: das niedrige Niveau des sozialen Vertrauens. In Polen herrscht eine ausgeprägte «Kontrollmanie», die aus dem geringen Vertrauen zwischen Unternehmen und Behörden resultiert. Deshalb ist eine gründliche Prüfung des Geschäftspartners Standard, zum Beispiel durch die Pflicht zur Offenlegung des wirtschaftlich Berechtigten im UBO-Register gemäss dem Gesetz vom 1. März 2018 zur Bekämpfung der Geldwäsche und der Terrorismusfinanzierung. Ohne diese Angabe verweigern viele Unternehmen die Zusammenarbeit. Weitverbreitet sind auch hohe Sicherheitskautionen von 5 bis 10 Prozent des Vertragswerts, die bis zum Ablauf der Gewährleistungsfrist einbehalten werden, da Unternehmer lieber auf Nummer sicher gehen. Ebenso wirkt das System sehr hoher gesetzlicher Verzugszinsen nach dem Gesetz vom 8. März 2013 über Zahlungsverzögerungen im Geschäftsverkehr, das auf dem Referenzzinssatz der polnischen Nationalbank plus 10 Prozentpunkten basiert. All diese Mechanismen dienen dazu, das Risiko zu minimieren, und zeigen gleichzeitig, dass der polnische Markt Unternehmen belohnt, die Verträge sorgfältig strukturieren und Absicherungen klar definieren.

Investitionen in Polen lassen sich gut mit einem chinesischen Sprichwort zusammenfassen: «Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Die zweitbeste Zeit ist heute.» Polen verbindet einen stabilen Markt mit erheblichem Wachstumspotenzial. Ein ausländischer Investor, der kulturelle Unterschiede und rechtliche Besonderheiten berücksichtigt, kann erfolgreich Kapital in Polen einsetzen, mit Chancen auf solide Gewinne und eine gestärkte Präsenz in Mitteleuropa.